Nachbarn

Der meist unsichtbare, mir unheimliche Nachbar tritt nur in Unterhose auf den Balkon, zieht sich sofort wieder zurück, vielleicht erschrocken, ist aber gleich wieder da, mit Gießkanne und immer noch in Unterhose, gießt seine merkwürdigen blassgrünen, blumenlosen Pflanzen und verschwindet kurz darauf im Gestank, der für einen Augenblick aus der geöffneten Balkontür zu mir herüberweht: nach alter Wäsche, abgestandenen Polstern, Teppichen, Badfliesen. Er spricht mich nicht an und ich spreche ihn nicht an. Das geriffelte Glas zwischen den Balkonhälften schützt gerade so viel. Jeder weiß von der Gegenwart des anderen. Ich habe ihn noch nie auf dem Balkon sitzen sehen.

Er ist nicht alt, aber krank, ziemlich sicher ohne Arbeit und Kontakte, verlässt selten das Haus. Spät abends höre ich manchmal die Türe schlagen. Ihm fehlen Zähne, sein Körper ist unförmig und aufgedunsen. Wahrscheinlich Tabletten. Man sieht sofort, dass es schlecht um ihn steht. Die Frau am goldfarbenen Klingelschild gibt es nicht.

Das Haus steht im ehemaligen Grenzgebiet und er erzählt, er habe schon vor der Wende hier gewohnt. Die Scheinwerfer der Grenzanlagen haben in die Zimmer geleuchtet, wenn im Streifen etwas vorgefallen ist. Nur die alte Frau aus dem ersten Stock, die mittlerweile ausgezogen oder tot ist, wohnt schon länger im Haus als ich. Im Blaumann steht er auf der Leiter und bessert die Türe aus, offenbar fachkundig. Es ist das zweite Mal in drei Jahren, dass wir miteinander reden. Samstag Vormittag. Ich komme vom Einkaufen. Er will reden, redet viel, redet Merkwürdiges, Klagendes, Anklagendes. Macht sich selbst schlecht. Ich bekunde Einverständnis, wo ich kann, schweige, bin froh, dass ich bald Besuch bekomme. Es dauert eine Stunde oder länger bis Anne kommt. Ich bin zu feige. Meine Finger sind taub und blau von den Einkaufstüten.

Das andere Mal steht seine Mutter bei mir in der Türe, fragt, ob ich ihren Sohn gesehen hätte in letzter Zeit. Sie zeigt mir Fotos, die vielleicht zwanzig Jahre alt sind. Die Menschen sehen so aus, wie man sich das denkt: schlecht sitzende, blassblaue Jeans, Haare: hinten lang, vorne kurz, viele Schnurbärte. Ihr Sohn rede nicht mit ihr, gehe nicht ans Telefon, melde sich nicht, schon lange nicht, wolle nichts mit ihr zu tun haben. Nun sei sie sterbenskrank und wolle ihn noch einmal sehen und mit ihm reden. Das sei ihr letzter Wunsch und jetzt sei sie gerade in der Gegend gewesen und habe sich ein Herz gefasst. Sie beginnt zu weinen und ich weiß nicht, was tun. Ich bitte sie herein, sage, sie könne bei mir auf ihn warten. Obwohl ich selbst nicht daran glaube, sage ich: vielleicht kommt er bald nach Hause. Es wird ihr nach einer Weile peinlich, sie trinkt den Tee nicht aus und isst auch nichts. Sie sitzt auf dem Stuhl als wäre es ein Nagelbrett. Die Schultern nach vorn als wolle sie gleich aufstehen. Mit übertriebener Höflichkeit bittet sie um Papier und Stift: wenigstens eine Nachricht unter die Türe schieben. Vielleicht melde er sich doch. Es tue ihr Leid, vielmals. Und sie bedankt sich beim Hinausgehen als hätte ich ihr mit Stift und Papier soeben das Leben gerettet. Kurz darauf klingelt der Nachbar, entschuldigt sich für den Auftritt seiner Mutter. Er muss die ganze Zeit hinter der Türe gestanden haben. Er wolle nichts mit ihr zu tun haben. Er habe abgeschlossen, endgültig, vor Jahren schon. Dass sie sterbenskrank sei, behaupte sie schon lange. Allen erzähle sie das. Aber sie wolle ihn nur unter Druck setzen und das lasse er nicht mit sich machen. Das sei vorbei. Entschuldigen sie, dass meine Mutter sie belästigt hat. Er ist verlegen. Er duckt sich beim Reden. Glauben sie nicht, was sie sagt. (Er hat offenbar Angst, dass sie noch mehr über ihn erzählt hat, als sie in meiner Wohnung war.) Mir bleibt nichts als ihm zu versichern, dass es mir keine Umstände macht: Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ich weiß nicht mehr, ob ich gesagt habe, er sollte seiner Mutter vielleicht noch eine Chance geben und das würde vielleicht auch ihm selbst helfen. Das menschliche Leben sei auf Dauer nicht für Unversöhnlichkeit gemacht. Davon bin ich überzeugt. Irgendwann hält man sich nur noch aus Gewohnheit an der Unversöhnlichkeit fest, obwohl die Gründe schon längst verblasst sind oder bedeutungslos. Man schadet sich womöglich nur selbst damit. Gut möglich, dass ich das gesagt habe. Naive Küchenpsychologie und ungebetene Ratschläge. Aus eigener Erfahrung weiß ich ja nicht, wie wirkliche Lebensprobleme, wie Schicksalsschläge eigentlich aussehen.

Der Nachbar hat mich vor über einer Stunde am Treppenabsatz beinahe festgehalten, Anne, sich festgeredet. So schnell bekommt man die Wohnungstür nicht auf. Ich habe bisher noch kein Wort mit ihm gewechselt, ihn kaum je gesehen. Deshalb nicht der versprochene Hefekuchen. Ob jemand, der nicht schreiben kann, auch nicht lesen kann, habe ich sie gefragt, weil der Nachbar erzählt hat, er habe nie schreiben gelernt. In der DDR sei das so gewesen. (Was für eine Erklärung!) Sie glaube schon, meine sich zu erinnern, so etwas in einem Dokumentarfilm gesehen zu haben, könne sich jetzt aber nicht mehr an die genaue Bezeichnung erinnern. Analphabeten könnten jedenfalls weder lesen noch schreiben. Ich kriege das nicht zusammen. Wie kann es sein, dass einer Buchstaben oder Wörter erkennen und Sätze lesen kann, selbst aber keine schreiben? Über meine erfahrungsfernen, bloß begrifflichen Überlegungen geraten wir beinah in Streit. Ich habe es doch gesehen, sagt sie. Aber vielleicht können sie prinzipiell schon schreiben, aber eben nur sehr schlecht und nur sehr langsam und deshalb schreiben sie lieber gar nicht oder behaupteten gar, sie könnten nicht schreiben. Warum fragst du mich dann erst? Warum musst du immer alles in Zweifel ziehen? Ich will es gar nicht in Zweifel ziehen, ich will es nur verstehen, sage ich, schon hilflos, weil ich weiß: das ist genau der falsche Satz. Mit diesem Satz biegen wir mit der unerbittlichen Macht der Gewohnheit in die uns beiden bekannte und ungeliebte Hauptstraße ein; die schöneren Nebenstraßen sind immer verstopft oder es gibt sie nicht. Zum Glück hat sie wenig Zeit.

Er sagt, das ganze Haus stünde schief, an den Rissen im Kellergeschoss könne man es gut erkennen. Aber die Hausverwaltung kümmere sich nicht darum. Ihm sei es ja egal, wenn das Haus einstürze. Lange lebe er sowieso nicht mehr. Man wolle ihn rauswerfen. Mit Mieterhöhungen, Drohungen. Er kenne die Eigentümer noch von früher: schlimme Leute, habgierige Leute. Es werde immer schlimmer. Er könne sich ja nicht wehren, krank wie er sei. Ihre Briefe sende er ungeöffnet zurück. Sie schickten ihm die Polizei ins Haus. Er höre merkwürdige Geräusche aus der Nachbarwohnung. Bei mir sei alles still, sagt er, als ich nachfrage. Ja, die Musik höre er manchmal, aber das störe ihn nicht. Sein Onkel sei Streicher in einem berühmten Orchester der ehemaligen DDR gewesen, das nach der Wende aber aufgelöst worden sei. Er habe Schumann persönlich gekannt, aus der DDR. Und sämtliche Instrumente geerbt. Er sagt: leider kann ich keines spielen. Sehen sie, meine Gelenke, alles kaputt. Und er zeigt seine Hände vor als könne man es dort lesen. Die Arbeit am Bau.

Ich sehe ihn jetzt öfter im Flur. Ich gehe schnell, wir grüßen einander. Möchte er nur, dass ich ihm ein wenig zuhöre oder dass ich ihm helfe? Womit?

Den Handwerker, den die Hausverwaltung geschickt hat, um die Fenster auszubessern, hat er nicht herein gelassen. Der hat nur spionieren wollen und bestimmt keine Arbeitserlaubnis. Ich weiß es nicht, sage ich, aber er war sehr freundlich und die Arbeit in Ordnung. Aber die Hausverwaltung würde bestimmt nicht nach Tarif zahlen. Die Polen würden ausgebeutet und die deutschen Handwerker hätten nicht genug Arbeit. Der konnte kein Wort Deutsch, der war illegal. Ich fände es nicht in Ordnung, wenn sie nicht nach Tarif zahlen würden, sage ich. Was soll man da machen? Wenn sie ihn nicht hereinlassen, dann hat auch er keine Arbeit. Ich will aber keine Fremden in meiner Wohnung haben. Und die Arbeit ist nicht gut gemacht, bei Frau Eilers habe ich es selbst gesehen (er hat die Schlüssel zur Nachbarwohnung). Alles Pfusch! Er beugt sich über die Trennwand des Balkons zu mir, zeigt auf den Dachgiebel: Haben Sie es gesehen? Was? Die losen Bretter, sehen Sie die losen Bretter. Tatsächlich: Einige Bretter im Dachgiebel direkt über dem Balkon hängen schief; für mich sieht es nicht bedrohlich aus. Wenn die herunter kommen, sind Sie tot. Darum kümmert sich die Hausverwaltung nicht. Er zeigt mir einen Grundriss des Hauses. (Woher er den hat?) Er scheint alle Wohnungen zu kennen, auch die im Hinterhaus. Die dünnen Wände hier: das war eigentlich eine Wohnung, hier das Zimmer im Erdgeschoss mit Außenklo, wo früher die Wäscherei war. Das junge Ehepaar nebenan hat noch ein kleines Zimmer über der Kammer in der Küche, Dachgeschoss: ehemals Magdzimmer. Allerdings gibt es da keine Leitungen, keinen Strom, keine Heizung. In iher Wohnung gab es zwei Kohleöfen: einen im Schlafzimmer und einen im Zimmer, wo jetzt ihr Klavier steht: Sehen Sie, hier und hier. Er gehört zu den Menschen, die auf kleinere, aber durchaus deutliche Anzeichen zur Beendigung eines Gesprächs nicht reagieren. Viele ältere Menschen sind so. Ich müsste jetzt wieder an den Schreibtisch, sage ich. Ja, ja. Eine Sache noch: Könnten Sie mir 50 Euro leihen? Bis Anfang nächsten Monats? Fast bin ich erleichtert über die Bitte: sie erklärt vielleicht, warum er plötzlich an mich herantritt. Der Mann ist elend. Rundherum. Er beklagt sich über den Zustand seines Körpers: morgens komme er kaum aus dem Bett, alles tue ihm weh. Er werde immer dicker wegen der Medikamente, 20 Kilo innerhalb kürzester Zeit. Drei Stunden höchstens könne er noch arbeiten, pro Tag. Der Arzt habe es bestätigt. Nur leichte Arbeiten. Ich kann mich nicht unterordnen, sagt er, wenn ich da arbeiten soll, werde ich zum Mörder. Sein schiefes Grinsen während er das sagt, ist mir unheimlich. Ich meine das völlig ernst.

Sollte er eines Tages tot in seiner Wohnung liegen, wie es natürlich geschehen wird, könnte es sehr lange dauern, bis es entdeckt wird. Und die Leute werden kurz entsetzt sein über die Kälte zwischen den unmittelbaren Nachbarn in der Großstadt. Ich hatte schon desöfteren den im Grunde schäbigen, aber doch verständlichen Gedanken, nebenan würde dann eine große Persönlichkeit, ein Wissenschaftler oder Künstler oder wenigstens eine lebenslustige junge Frau einziehen. Das geriffelte Glas zwischen den Balkonhälften müsste dann nicht im Wege sein, wenn ich nicht auf die Idee käme, nur in Unterhosen die Pflanzen auf meinem Balkon zu gießen.

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