Selbstverwirklichung

8 02 2010

Mach dir nichts draus, haben meine Eltern zu mir gesagt, als ich jung war. Obwohl sie ihre Meinung inzwischen geändert haben, habe ich mich bis heute daran gehalten.





Sokrates’ Brille

6 02 2010

Dass sich Sokrates auch nach langem und wie gewohnt unübertroffen scharfsinnigem Nachdenken bei aller Liebe nicht darin erinnern konnte, wo er seine Brille liegen gelassen hatte, widerlege Platons Ideenlehre, behauptete meine Mutter, die dies einer allseits bekannten wissenschaftlichen Fachzeitschrift entnommen und mir den Artikel sofort zugeschickt hatte. Ich las nach und fand alles wie beschrieben. Die Brille gilt bis heute als verschollen.





Let me tell you a secret

2 02 2010

Everybody knows that if you don’t have things to show or tell that you would and could not tell or show just anybody or that you haven’t told or shown anybody in a long time or at all, you will never come close to anyone. Without exclusivity no intimacy. If intimacy is important than it is important to acquire secrets and not to run out of them. If you cannot start or pay back with a secret you won’t be recognised.

Some hold the view that despite of its importance this capacity is never and perhaps cannot be taught. It’s like life itself: you either have it or you don’t, you are either rich or poor. Others think that nature comes to our aid in that the naked body itself – especially the sexual organs – is enough of a secret to most people most of the time. If revealed and shared it creates intimacy. Others disagree by saying that it is in fact no secret to anyone – at least to every adult person – how naked people look like by and large; it is not enough of a secret to secure intimacy or even attract attention.

However, it is agreed on all sides that not just any secret will do. Is it the case that a tradeable secret has to be embarassing? Does it have to be connected to one’s childhood? Does it have to be some kind of trauma, of guilt, of powerlessness, weakness? Does one need to show oneself as vulnerable? Or can it be as trivial as you like as long as one simply does not share it with others?

In order to be valuable for creating or maintaining intimacy what you share with some people or a single person you must withhold from others. If a passionate kiss on the mouth became the usual greeting between people of all ages all over the world it would never create or display the intimacy it now tends to create or display. We would than have to create a new word signifying e.g. the touching of one anothers knees or bare knees. Everybody knows that there is no reason why the touching of one anothers bare knees could not create or display the same intimacy or, indeed, the same feelings as a kiss tends to produce now, provided proper training.





Entschuldigung IV

24 01 2010

Niemand kann alles auf einmal sagen, nicht einmal das, was ihm im Augenblick wichtig ist. Mehr lässt sich darüber nicht sagen.





Aus der Traum

24 01 2010

Wer schon einmal aus seinem Traum geweckt wurde, der weiß nicht, wovon ich rede. Im Traum ist man solange, wie man nicht weiß, dass man träumt, und tatsächlich träumt. Wenn man glaubt, man träumt, obwohl man gar nicht träumt, sondern wach ist, träumt man nicht. Solange man nicht weiß, dass man träumt, obwohl man träumt, weiß man nicht nur nicht, dass man träumt, obwohl man tatsächlich träumt, sondern man weiß überhaupt nichts. Man weiß nicht, dass man überhaupt nichts weiß, solange man nicht weiß, dass man nicht träumt, wenn man geweckt wird. Ob man tatsächlich geweckt wird oder träumt, tatsächlich geweckt zu werden, weiß man nicht, solange man nicht weiß, ob man träumt. Man kommt aus dem Träumen, wenn man sich einmal darin verfangen hat, nicht heraus. Man weiß nicht, ob man schon geträumt hat, bevor man sich in seinen Träumen verfing, oder erst geträumt hat, seitdem man aus dem Träumen nicht mehr herauskommt. Alle Logik und Erfahrung der Welt, alle Kunststücke können einen nicht aus dem Träumen reißen, hat man sich einmal darin verfangen. Man weiß nicht einmal, wenn man nicht mit Sicherheit schon einmal aus dem Traum geweckt wurde, ob überhaupt und worüber man redet.





Kas Mondfahrt II

22 01 2010

Ich habe, so Ka in einem unveröffentlichten Interview, das mir vorliegt, während meiner Schulzeit eine für Pubertierende womöglich übliche Zeit lang über Todesarten nachgedacht. Ich habe gelesen, dass der Tod durch Ertrinken dem durch Verbrennen bzw. Ersticken eindeutig der Vorzug zu geben ist. Nur das Erfrieren, neben dem Ertrinken, scheint eine sehr genussvolle letzte Phase zu haben, in der alles leicht und schön ist, wie bei der Einnahme von Barbituraten, die insbesondere von Sterbehilfeorganisationen empfohlen werden. Um es kurz zu machen: Kas Lieblingsidee war es, nach einigem hin und her, irgendwo in Grönland oder Alaska auf das Eis hinauszulaufen in der Zeit der Eisschmelze und sich dort, wo es besonders tief ist, mit einem gut verzurrten schweren Rucksack voller Bücher (oder Kartoffeln) ins Wasser sinken zu lassen. Am Allerbesten wäre es vielleicht, eine Spitzhacke mitzubringen, um die Stelle im Eis selbst aufzuschlagen, an der man untergeht, und die hinterher – über dem eigenen Tod – wieder zufriert. Das sind so selbstgefällige, pathetische Vorstellungen, wenn man jung ist, sagt Ka im Interview, aber doch bezeichnend vielleicht, dass es gewissermaßen gegen sich selbst und andere rücksichtsvollerere und weniger rücksichtsvolle Todesarten gibt. Stellen Sie sich vor, Ihre Eltern oder Ihre Frau oder Kinder finden Sie auf dem Dachboden, aufgehängt an einer Teppichstange: das ist nicht rücksichtsvoll und wahrscheinlich auch für Sie selbst kein Vergnügen. Es könnte schiefgehen, Sie ersticken eine halbe Stunde lang unter Qualen und Angstvorstellungen, der Anblick des Kopfes eines Erhängten ist in der Regel grauenvoll. Genauso oder noch rücksichtsloser ist das Sich-In-den-Kopf-Schießen: Viele überleben den üblichen Schuss in die Schläfe, es gibt viel Blut und ein schreckliches Bild für die anderen. Ähnliches gilt für das Gegen-den-Baum-fahren, sich die Pulsadern aufschneiden, vom Hochhaus springen. Die Einnahme von Mitteln, die die Atmung lähmen oder zum Herzstillstand führen – Schlaftabletten, Barbiturate, Überdosis Drogen, Gift etc. – ist vielleicht rücksichtsvoller den Findern des Toten gegenüber, aber eben nicht 100%-tig sicher und man kommt an die qualitativ guten Mittel nicht so einfach heran, wenn man keine letale, schmerzhafte Krankheit hat.

Die Alaska-Eis-Rucksack-Vorstellung habe ich als befreiend empfunden, sagt Ka, denn es ist wirklich nicht ganz einfach, wenn nicht überhaupt unmöglich, eine rücksichtsvolle Art der Selbsttötung zu ersinnen. Ein Problem dieser Alaska-Idee ist natürlich, dass man erstmal dort hinkommen muss, wenn man nicht gerade dort wohnt, dass man aufpassen muss, dass einen nicht doch irgendjemand rettet, und vor allem: man muss den sogenannten Hinterbliebenen unmissverständlich zu verstehen geben, dass man sich aus freien Stücken das Leben genommen hat. Eigentlich ist meine Alaska-Idee, so Ka, nur an diesem sogenannten Abschiedsbrief gescheitert. Denn in diesem Genre gibt es einfach keine gelungenen Vorlagen. Das beste wäre vielleicht: Ein verschlossener Brief mit den Worten: “Ich habe mich nach längerer Prüfung und bei völliger Klarheit des Kopfes dazu entschieden, mir selbst das Leben zu nehmen. Ka.” Aber auch dieser Text ist gewissermaßen zu lang und viel zu kurz. Haben Sie einen besseren Vorschlag? Sie haben doch bestimmt auch schon über Todesarten nachgedacht, über solche der Selbsttötung wie der des Sterbens überhaupt?

Man denkt beim Sterbenmüssen oder Weiterlebenwollen naturgemäß an die noch verbleibende Zeit. Wie jederman weiß, ist das Leben endlich. Umso erstaunlicher, dass die Selbsttötung, der Sterbenswunsch der in irgendeinem Sinn unheilbar Kranken, oft mit Verständnislosigkeit oder Widerwillen aufgenommen, ja sogar durch Gesetz und Religion verboten ist. Die Gesellschaft ist eine scheinheilige (wenn es das noch gibt), zutiefst verlogene, weil sie das Ende eines Lebens vor dem körperlichen Tod nicht zugeben will. Sogar wenn man nur an die allgemeine Wohlfahrt denken würde, wäre es besser, wenn sich mehr Menschen guten Gewissens umbringen würden. Die Gesellschaft wäre insgesamt eine fröhlichere, wenn sich nicht jederman aus irgendwelchen verqueren Gründen dazu verpflichtet fühlen würde, auf Teufel komm raus weiter leben zu müssen. Die sogenannte heilige katholische Kirche zeichnet sich hierbei, wie jederman weiß, durch eine besonders widerwärtige Perversität aus (sie erinnern sich: Judas) und bei Homer wäre, zusammen mit seinen Göttern und dem besseren Rest der Griechen, über solche hässlichen, niedrigen Verdrehungskünste der Zorn und das sprichwörtliche homerische Gelächter ausgebrochen, so wie man bösen Kindern zürnt, die es noch nicht besser wissen können. Aber heutzutage lacht oder zürnt komischerweise niemand. Oder etwa doch, fragte Ka die Fragestellerin, wobei er nicht mehr gewusst zu haben scheint, auf welche Frage er soeben geantwortet hatte.

Die Mitarbeiterin der Zeitschrift, die Ka interviewte, erwies sich in den nicht transskribierten Zwischenphasen des unveröffentlichten Interviews nämlich als eine besonders einschüchternde und unangenehme Fragestellerin, indem sie Ka damit konfrontierte, dass er nur das allseits Bekannte wiederkäue und sie langweile. Seine Rückfragen ignorierte Sie durchweg und blickte desinteressiert drein. In der Redaktion habe man ihr das Interview mit ihm dadurch schmackhaft machen wollen, dass man erzählte, er sei möglicherweise ein philosophischer Kopf, und besonders die älteren Damen in der Leserschaft würden ein erbauliches Gespräch über die grundlegenden Lebensfragen besonders zu schätzen wissen, mitsamt einem Photo der lebenslustigen, hübschen Feuilletonredakteurin (also ihr: A) mit dem grauen, zwar verhärmt, aber unter einem gutmütigen Mutterblick doch ernsthaft-tiefsinnig dreinblickenden Dichterling. A hatte die Aufgabe widerwillig übernommen, ein Rockkonzert hätte sie naturgemäß mehr interessiert als ein angeblich tiefsinniger Philosoph. Aber die alten Herren in der Redaktion hatten gemeint, eine kluge, junge Frau wie A müsse sich naturgemäß für philosophischen Tiefsinn, wenn schon nicht tatsächlich interessieren, so doch tatsächlich zu interessieren vorgeben, und ein verhärmter Dichterling müsse angesichts einer intelligenten und hübschen, Interesse zumindest vortäuschenden Interviewpartnerin sein Innerstes besonders rückhaltlos und damit potentiell verwertbar preisgeben, was sich im Nachhinein aber nicht bestätigte, weswegen das Interview, von einem Praktikanten notdürftig und fehlerhaft transskribiert, im Archiv verschwand.

Es ist ein vollkommen zutreffendes Klischee, sagte Ka zu A, dass Sie entweder ein richtiger Philosoph sein können oder Frauen lieben bzw. von Frauen geliebt werden können. Entweder werden oder wurden Sie von Frauen geliebt oder liebten Frauen oder Sie sind vielleicht ein richtiger Philosoph. Beides zugleich ist nicht möglich. Natürlich gibt es Salonphilosophen, wie beispielsweise die französisch- und spanischsprachigen, die bestens mit Frauen auskommen und die in der Regel mehrfach verheiratet sind und viele Kinder zeugen. Aber es wird kein Philosoph aus Ihnen, Sie können kein Philosoph werden, wenn Sie Frauen lieben und von Frauen geliebt werden, und Sie sind kein Philosoph, sobald Sie Frauen lieben bzw. von Frauen geliebt werden, wiederholte Ka. Das erklärt, warum so wenig Frauen unter den Philosphen sind, weil Frauen beinah immer von irgendwelchen Männern sozusagen geliebt werden und sich kaum davor schützen können, wenn sie nicht in ein Kloster gehen, was seinerseits die philosophische Entwicklung eines möglicherweise philosophischen Frauenkopfes untergräbt. A hatte das Interview schon an dieser Stelle abbrechen wollen. Sie wundere sich, sagte sie Ka, wie man derart lebensdumm sein könne wie er (diese Stelle wurde nicht transskribiert); vielleicht hoffe er, Ka, dass er bei ihr, A, indem er ein solches Thema anschneide, ein Interesse an ihm wecken könne. Aber es sei ein ebenso zutreffendes Klischee, dass sich Frauen im besten Fall für tote Philosophen interessierten: Frauen interessiert der lebende Nietzsche, der lebende Schopenhauer, der lebende Kant überhaupt nicht, sondern allenfalls der tote Nietzsche, der tote Schopenhauer, der tote Kant. Der lebende Philosoph wolle mit den Frauen nichts zu tun haben und umgekehrt, genauso wie der lebende Philosoph sich im Grunde nur für die toten oder anderswie unerreichbaren Frauen interessiere. Interessiere, nicht: liebe. Ka bediene ein verkehrtes, zumindest aber extrem oberflächliches Klischee, wonach man sich mit der Welt anfreunde durch die Liebe zu einem Menschen und um Philosoph zu werden oder zu bleiben dürfe man sich eben nicht mit der Welt anfreunden oder in der Welt heimisch sein. So ist es, entgegnet Ka, sie haben das gut ausgedrückt. Aber wieso ist das oberflächlich oder verkehrt? – Sie schaute, wie gesagt, desinteressiert drein. Vielleicht weil Sie meinen, dass der Philosoph eigentlich ein Liebender ist, wenn auch ein unglücklich Liebender? Nein, gab A widerwillig zur Antwort, das meine ich nicht. Schauen Sie, sagte sie mit einem Anflug von Mitleid in der Stimme, es ist vollkommen anders. Philosoph können Sie nur sein, philosophieren können Sie nur dann, wenn Sie mitten im Leben stehen, mit den sprichwörtlich beiden Beinen. Solange Sie in Ihrer privaten, biographischen Misere stecken, im Erfahrungsdefizit, Gratifikationsdefizit, Anerkennungsdefizit, im Erfolgsdefizit etc., solange können Sie gar nicht philosophieren. Es kommt nur Oberflächliches, Unreifes heraus, wie beispielsweise Ihre Äußerungen über Salonphilosophen und Frauen. Aber es ist doch im Grunde dasselbe, sagte Ka: der Philosoph ist im einen wie im anderen Fall mit der Welt fertig, darauf kommt es an. Auf den Weltabstand, verstehen Sie, auf die Entfernung, wenn schon nicht auf die absolute Entfremdung, so doch auf die höhere Gleichgültigkeit. Eine sogenannte gefeierte Schriftstellerin sagt in einem Interview, dass der Schriftsteller ein Beobachter ist und nicht Teil dessen sein darf, was er beschreibt. Zurückziehen muss sich der Schriftsteller als Beobachter, sagt die Schriftstellerin. — Sagen SIE doch mal etwas, was nicht oberflächlich und unreif ist! Etwas Kluges, wenn’s geht!

A bewahrte ihre desinteressierte Ruhe und Ka verlor sie. Weiter führte das Gespräch zu nichts, kam nicht voran. Und wie hätte es auch vorankommen können? Manchmal, wenn zwei Köpfe aufeinandertreffen und es klingt hohl, liegt es weder allein an dem einen noch allein am anderen Kopf, sondern an beiden (sie erinnern sich: Lichtenberg). Aber warum wurde es dann nicht gedruckt? Wo dieser Klang doch der übliche ist, der gewohnheitsmäßige. Schlagen Sie eine Zeitung, eine Illustrierte auf, lesen Sie einen Artikel, ein Interview: es klingt hohl. Schalten Sie das Radio oder Fernsehen ein, eine Talkshow, einen Film, eine Berichterstattung, was Sie wollen: es klingt hohl. Lesen Sie ein sogenanntes wissenschaftliches Buch: es klingt hohl und Sie schlafen sofort ein. Das Hohlklingen ist eigentlich der unsere Gegenwart am besten charakterisierende, am besten entwickelte Klang, das ständige millionenfache Hohlklingen, die geistigen Rossbreiten, die absolute Ideenlosigkeit und insofern Orientierungslosigkeit, Unentschiedenheit. Der Bedarf an Ratgeberliteratur, Esoterik, Glücksbüchern etc. Der stehende Sturmlauf, wie Kafka sagt. Wer Wind in den Segeln hat, kennt das alles nicht, braucht das alles nicht, wie Nietzsche sagt.

Erstaunlicher noch als die Tatsache, dass das Interview mit Ka nicht gedruckt wurde, ist aber eigentlich, dass Ka überhaupt interviewt wurde. Wie kam man auf ihn? Wie konnte man denken, er sei ein philosophischer Kopf, wenigstens vielleicht?





Kas Mondfahrt I

6 01 2010

Prolog
Niemand hätte es geglaubt, wenn ich erzählt hätte, dass sich Ka, der ein ehrliches Gesicht hatte und tatsächlich eher dumm als böse war, einen Nachbarschaftsbesuch vortäuschend, von seiner im Nachhinein natürlich völlig perplexen Mutter verabschiedete, um auf einem lange im Voraus gebuchten, allerdings drittklassigen Kojenplatz eines Überseedampfers (falls es die noch gibt) gen Indien, genauer: in das schon von Vasco da Gama angesteuerte Kalikut aufzubrechen, mit der Absicht, niemals zurückzukehren. Ka konnte es also nach allgemeiner Übereinstimmung nicht sein.

Ein Rätsel. Denn wer ist es dann, der jetzt an der Reling steht und aufs Meer hinausschaut? Wir müssten uns vielleicht schon gleich zu Beginn entscheiden, ob wir von jenem Ka reden wollen, der jetzt bei seinen Nachbarn sitzt und sich Belanglosigkeiten anhört und ebensolche Belanglosigkeiten erwidert, oder ob wir von dem anderen Ka reden, der – wie bereits gesagt – an der Reling steht eines Überseedampfers (wenn es die noch gibt), der aber nach allgemeiner Übereinstimmung höchstwahrscheinlich nicht Ka ist. Nichts leichter als das, mögen Sie denken. Wenn man sich zwischen dem, was ist, und dem, was nach allgemeiner Übereinstimmung höchstwahrscheinlich nicht so ist, zu entscheiden hat, gibt es eigentlich keine Entscheidung, sondern der kühl operierende Menschenverstand, der gelegentlich auch der vernünftige und gesunde genannt wird, gebietet, das zu glauben, was laut allgemeiner Übereinstimmung so ist und nicht das, was höchstwahrscheinlich nicht so ist.

Ja, in der Wirklichkeit mag das gelten, sage ich, nicht aber im Roman. Verstehen Sie? Da ist es nämlich so gemeint: Erzählt wird die Geschichte von einem, der sein bisheriges Leben satt hat und einen großen Schnitt macht (Sie erinnern sich: Kafka). Und die Geschichte, die der Autor erzählt, ist – nach anfänglichen Schwierigkeiten freilich – eine lustige und fröhliche Geschichte. Mit vielen Frauen und Champagner und Geld und so weiter. Hinterher kommt aber heraus, dass der Held der Geschichte die ganze Zeit über nur bei seinen Nachbarn gesessen ist, wie immer, und diese Reise ins Glück, von der das Buch handelt, gar nicht stattgefunden hat. Es war alles nur geträumt. Jedenfalls ist das der Clou, den der Autor sich ausgedacht hat, auch wenn das ein alter Hut ist, dieser Clou – aber was soll’s. Verstehen Sie? Die Geschichte des wirklichen Ka wäre ja vollkommen uninteressant, kein Champagner, keine Frauen und so weiter und kein Geld. Sie verstehen mich. Keine schnellen Autos. Denn eigentlich ist Ka gar nicht an Frauen und Geld und Champagner interessiert. Das ist ein Klischee. Er hat es auf anderes abgesehen, Höheres. Die höheren Werte, verstehen Sie. Ebenfalls ein Klischee. Eine künstlerische Aktivität zum Beispiel (wenn es das noch gibt). Etwas Kreatives (wenn es das noch gibt). Sie haben bei anderer Gelegenheit gewiss schon einmal davon gehört. Die Selbstverwirklichung! Die Selbstfindung! Der EIGENE Weg! Kierkegaard! Nietzsche! Aber die Anrufungszeichen nützen natürlich nichts. Sie stören, sie machen misstrauisch. Der inflationäre Gebrauch von Ausrufungszeichen erinnert den belesenen Leser an Sturm&Drang (wenn es so etwas gegeben hat). Ist eine Literatur, die man außerhalb von Hochschulkursen getrost vergessen kann. Deklamationen ohne Inhalt. Das liest wirklich keiner, der nicht dazu gezwungen ist. Und es wird ja niemand gezwungen und man kann auch niemanden dazu zwingen, etwas zu lesen.

Indien – denken Sie mal darüber nach, wie schlau der Autor das eingefädelt hat für den mitdenkenden Leser (wenn es die noch gibt). Indien, Vasco da Gama, Entdeckung eines fremden Kontinents – terra inkognita, wenn Sie ein Fremdwort brauchen. Und nun übertragen Sie das auf Kas Seele, sein Inneres. Haben Sie’s, fällt der Groschen (wenn es das noch gibt). So funktioniert die große Literatur. Man darf natürlich den Clou nicht vorwegnehmen. Man darf nicht erzählen, dass Ka an einer unheilbaren Krankheit leidet und wenigstens in seiner Phantasie noch einmal alles so macht, wie und was er hätte machen wollen. Aber das kommt erst ganz am Schluss heraus. Ich erinnere mich an ein erfolgreiches Buch über einen Schiffbruch. Erzählt wird von einem Tiger, einem Orang Utan und einer Gazelle, glaube ich, mit gebrochenem Bein, und noch anderen Tieren und einem Jungen, auf dem Rettungsboot. Der Tiger frisst alle anderen, der Junge überlebt, muss sich aber mit diesem Tiger herumschlagen. Der Junge schaut immer: Ist der Tiger da, ist er nicht da, was macht der Tiger, was macht der Tiger NICHT. Er fragt sich: Ist der Tiger da, ist er nicht da, was macht der Tiger, was macht der Tiger NICHT. An und für sich schon eine spannende Geschichte, sonst wär’s ja kein Bestseller, sondern langweilig. Und am Ende der versteckte Clou für den mitdenkenden Leser: Die Tiere waren gar nicht Tiere, sondern eigentlich Menschen, und der Tiger das Raubtier im Jungen. Verstehen Sie? Jetzt müssten Sie eigentlich das ganze Buch noch einmal lesen, neu lesen. Raffiniert.

Haben Sie vielleicht schon einmal davon gehört, wenn Sie’s nicht von sich selber kennen, bei Max Frisch oder so, wie das ist, wenn Sie so richtig ringen mit sich und ihrer Identität. Mit dem Ich und dem Nicht-Ich? Wenn Sie nicht aus noch ein wissen. Sie fragen sich: Bin ich’s oder bin ich’s nicht. Sie fragen: Machen mich die anderen zu dem, was ich bin? Oder bin ich selbst der erste, der an mir festhält? Warum bin ich ich und nicht ein anderer? Könnte ich nicht ganz anders, ein ganz anderer sein? Aber ich mache mich schuldig und die anderen zwingen mich! Ist große Literatur von Max Frisch. Diese schwierigen und eigentlich dummen Fragen waren sein Herzensthema.
Aber Max Frisch war es, soweit ich weiß, nicht, der sich immer kaputtlachte über den Spruch: “Wer bin ich und wenn ja, wie viele?” Das war einer von Kas sogenannten Freunden und er sagte es bei jeder entfernt passenden Gelegenheit auf – es war sein Bonmot, wenn Sie ein Fremdwort brauchen, mehrmals hintereinander. Es schien ihn nicht zu stören, wenn niemand mitlachte. Er schüttelte sich vor Lachen (wenn es das noch gibt). Hermann Hesse sagt etwas ähnliches, habe ich in der Schule gelesen, aber ich kann mich auch irren. Hermann Hesse hatte diesen Gedanken, dass nicht zwei Seelen in seiner Brust wohnen (Sie erinnern sich: Goethe), sondern ganz viele, im Steppenwolf, glaube ich, steht das. Und das ist sehr problematisch für den Hermann Hesse beziehungsweise für die Figur, die sich Hesse ausgedacht hat, das muss man wirklich streng unterscheiden, wenn man will, und die Geschichte ist nicht lustig deswegen. Sie können sich leicht vorstellen, was dem Hermann das für Probleme gemacht hat. Goethe hatte offenbar schon mit zweien seine liebe Not. Ist aber große Literatur.
Nehmen Sie dieses Bild: In jedem Menschen sind unzählige Samen und fruchtbare Erde, bloß kommt nur an manche Stellen Wasser und Sonne hin. Im jedem Mensch ist die ganze Welt noch einmal möglich. Aber hier wächst etwas, dort nichts. Verstehen Sie das Bild? Nun müssen Sie mit diesen Gewächsen leben, die sich gebildet haben, ob Sie’s bemerkt haben oder nicht, ob Sie’s wollen oder nicht. Mit ihrem Charakter, wie auch manchmal gesagt wird. Wenn sie einen Beleg brauchen: “Wenn Apfelsinenbäume in diesem Boden und nicht in jenem gut anwurzeln und reichlich Früchte tragen, dann ist dieser Boden ihre Wahrheit.” Steht bei Saint-Exupéry. Fachliterat fürs Seelenheil. Könnte auch bei Camus stehen, die Sache mit den mediterranen Gegenden. Aber nicht im Kleinen Prinzen. Den haben Sie wahrscheinlich schon mal an Freunde und Bekannte verschenkt oder Freunden und Bekannten empfohlen. Ist sehr PC das Buch. Besonders beliebt ist diese Sache mit dem Fuchs. Für Hochzeiten. Ist Kitsch, schließt aber die Herzen auf, wirklich, verkauft sich gut! Müssen Sie mal probieren.

Ka lebt also gewissermaßen, wenn Sie so wollen, wenn Sie den existenzialphilosophischen Ausdruck erlauben, nicht existenzphilosophischen wohlgemerkt, habe ich einen Professor sagen hören, Existenzialismus ist ja auch Kitsch, schwarze Rollkragenpullover (wenn es die noch gibt), das dürfe man keineswegs durcheinander bringen, behauptet er, in der Unwahrheit. Deshalb, könnte sein, macht Ka eine Reise. Andere Leute, andere Landschaft, Klima, Erde, Essen und so weiter. Die mediterranen Gegenden vielleicht (dann könnte er sogar auf den Überseedampfer verzichten). Etwas anderes ist allemal besser, wie die Bremer Stadtmusikanten richtig sagen, denkt sich Ka. Die Wahrheit der Existenz gibt es ja nicht. Da ist der Saint-Exupéry vielleicht bisschen altmodisch gewesen, existenzphilosophisch gewesen. Hat den neusten Dreh noch nicht raus gehabt, nicht mitbekommen. Dem Professor wäre das nicht passiert. Wahrscheinlich Heidegger nicht gelesen, weil zu früh abgeschossen, abgestürzt mit dem Flugzeug, habe ich gelesen, behauptet der Bruder von Ivan Rebroff (Sie erinnern sich: Kalinka, Kalinka), er habe ihn abgeschossen und das jetzt – wohlgemerkt – NACHTRÄGLICH sehr bedauert. Zur falschen Zeit am falschen Ort, der Schriftsteller und der Bruder vom Rebroff. Hätte er sich ja kenntlich machen können: Ich bin Saint-Exupéry, der Poet, dieses Kriegsflugzeug ist ein Irrtum (Sie erinnern sich: Shakespeare). Der Kleine Prinz war bereits 1943 erschienen. Das hatte der Bruder vom Rebroff gelesen und hätte deswegen nicht geschossen, wahrscheinlich. Aber er hätte es wissen müssen, dass in dem Flugzeug ausnahmsweise ein Poet saß. Vielleicht kannte er sogar die Stelle mit dem Fuchs und den Apfelsinenbäumchen auswendig. War sein Lieblingsschriftsteller, sagt der Bruder vom Rebroff in einem kürzlich veröffentlichten Interview. Krieg ist aber wirklich Krieg. Da müssen sie den Kleinen Prinzen mal im Dorf lassen. Oder Fünfe gerade. Oder die Katze im Sack. Das hat dann erstmal Zeit für später.

Wachstum und Geborgenheit brauche der Mensch zum Glück, habe ich einen Biologen erzählen hören, das komme von der Glückserfahrung im Mutterleib. Die Leute glauben, habe ich gelesen, sagt eine Studie, die ich Ihnen gerne einmal zur Lektüre ausleihen kann, einer Behauptung eher, wenn naturwissenschaftliche Argumente geltend gemacht werden, am besten neurophysiologische. Diese Mutterleibsherleitung vom Glück ist aber eher so eine quasi-psychologische, physiologische. Eine philopsychosoziale, genau genommmen eine szientifisch-somatische Herleitung. Eine bombensichere Sache, sagt der Biologe. Gehen Sie nur einmal ins Labor! Ist aber Unsinn (wenn es den noch gibt). Wenn Sie mitgedacht haben (haben Sie?), können Sie das jetzt sofort mit dem Apfelsinenbäumchen-Bild verbinden. Aber es entsteht eine Schwierigkeit: Wenn man bleibt, wo man ist, ist man vielleicht geborgen, wenn man Glück hat, oder eben nicht. Wenn man wächst und wachsen will, muss man ein anderer werden, anderswohin gehen, und die Geborgenheit ist perdu. Ich weiß aber nicht, ob das richtig ist. Ist sich Ka darüber im Klaren? Vielleicht nicht, weil ich eingangs sagte, er sei eher dumm. Oder ich ziehe diese Beschreibung zurück, weil sie mir bereits jetzt nicht mehr in den Kram passt. Ich kann ja erzählen, was ich will, nicht?

Ich kann mir ohnedies keine Vorstellung davon machen, was für ein Mensch Ka ist. Wie er aussieht etwa. Das mag von manchen für nebensächlich gehalten werden, ist aber im Gegenteil ganz wichtig. Könnte ein Studienrat sein, Mitte 40, der noch bei seiner Mutter wohnt, Mathematiklehrer, sehr streng, aber korrekt. Lehrer eignen sich gut für einen Roman. Jeder kennt einen Lehrer. Jeder hasst und liebt einen Lehrer. Oder ein Jugendlicher, erstes Liebesleid, Fernsucht. Dann wär’s ein Roman übers Erwachsenwerden. Ginge auch. Aber ein Jugendlicher sitzt vielleicht nicht bei seinen Nachbarn? Ein Jugendlicher sitzt, wenn überhaupt, bei seinen Klassenkameraden, Kumpels, Freunden. Geht eher auf eine Party, auf den Bolzplatz (wenn es das noch gibt), in die Stadt, ins Freibad. Ich weiß ja nicht, was die Jugendlichen so machen oder die Lehrer. Aber ein Studienrat wird bestimmt nicht einen drittklassigen Kojenplatz buchen, oder? Die verdienen ja gut, hat ein Freund mir erzählt, der kein Lehrer ist, besser als ich, sagt er, der einen Doktor in Physik hat, der wirklich etwas wert ist im Gegensatz zum Dr. phil., der den Leuten ja, wie jederman weiß, auf der Straße nachgeworfen wird, den die Studienräte in der Regel aber noch nicht einmal haben, aber die dicken Brieftaschen und die teuren Espressomaschinen, damit sie den Caffé latte, den sie unaufhörlich und bis zum für Lehrer und insbesondere Lehrerinnen auch sonst normalen Gehirnkoma trinken, nicht im ortsansässigen Café kaufen müssen und genug Geld haben für 4 Mallorca-Urlaube im Jahr, weil die ja ständig Ferien haben, wenn sie nicht gerade ihre Schüler malträtieren. Ist aber Schmerzensgeld, habe ich dem Doktor der Physik gesagt, diese gute Bezahlung, weil ich das gelesen hatte vor kurzem in einer Illustrierten, die sich besonders an Frauen im fortgeschrittenen Alter mit beruflichem Erfolg richtet, deren Namen ich aber wirklich vergessen habe.

Nicht wahr, es ist schwierig, eine Figur zu erfinden? Haben Sie das schon mal probiert: Ehe man sich versieht, hat sie bestimmte Eigenschaften, die nicht zueinander passen wollen oder einen einengen. Ich könnte zum Beispiel auch die Idee haben, den Ich-Erzähler – nicht: den Autor, merken Sie sich das ein für allemal, das mag der Autor nicht, wenn man ihn mit dem Ich-Erzähler gleichsetzt, er mag es gar nicht, wenn man ihn gleichsetzt, aber andererseits kann Sie niemand zwingen, dem Autor diesen Gefallen zu tun – also der Autor könnte die Gedanken des Ich-Erzählers als die Gedanken Kas ausgeben wollen. Und jetzt raten Sie mal, wie viele große Namen auf diesen paar Seiten schon fallen gelassen wurden: 34, aber ich habe nicht nachgezählt! Name dropping nennt man das. Da käme ein sechszehnjähriger Gymnasiast oder Realschüler oder Hauptschüler natürlich nicht mit. Der versteht die Anspielungen ja nicht, hat mir ein Studienrat erzählt, der das auch nicht verstehen würde und zuviel verdient, der es aber wissen muss, weil er Deutsch unterrichtet an einem Elitegymnasium. Das kennen sie vielleicht nicht: Das sind Privatschulen, da müssen die Eltern richtig bezahlen (damit die Unternehmenseigner nicht zu hungern brauchen) und da wird auf Englisch unterrichtet, während anderswo die sogenannten Migranten zwecks Integration Deutsch lernen müssen, wenn sie nicht abgeschoben werden wollen. Der Elitegymnasiast und der Elitegymnasiallehrer, GERADE die, verstehen natürlich nicht, wie intelligent ein Text sein muss, wenn darin so viele sogenannte große Denker vorkommen. Heidegger kennt er nicht, hat er nicht gelesen. Kafka nicht, Nietzsche nicht und so weiter. Ist ja alles auf Deutsch, das können in zehn Jahren sowieso nur noch die Migranten lesen. Muss man auch nicht kennen, muss man auch nicht lesen. Man muss gar nichts lesen, man kann diesen ganzen Kulturbetrieb von heute auf morgen dicht machen, hat mir ein Freund erzählt, der es wissen muss, und nichts fehlt. Wäre das Beste. 98 Prozent verstehen sowieso nicht, was sie lesen, und bei 99 Prozent der neu veröffentlichten Bücher gibt es auch nichts zu verstehen. So viele Leser gibt es im Grunde gar nicht. Es gibt viel mehr Bücher als Leser. Diese Bestseller gibt es im Grunde gar nicht. Das ist nur ein sogenannter Medienhype, ein Verkaufsrummel. Bücher werden noch nicht einmal von denen gelesen, die sie lesen. Man darf das nicht ernst nehmen. Nicht so heiß essen. Sich nicht aufregen. Denn es ist nicht weiter schlimm, wirklich nicht. Die sogenannte Belletristik kann gut ohne Leser leben und die Leser ohne die Belletristik. Auch das verstünde der Achtzehnjährige nicht.

Ein Freund hat mir erzählt, dass ein Äthiopier, der auf eine Deutsche Schule ging, sich nach der Abiturfeier mit dem anwesenden Leiter der Deutschen Botschaft über die selbstversändlich auf Latein vorgetragene Festrede unterhalten wollte und etwas Zeit brauchte, um überhaupt, dann aber konsterniert festzustellen, dass dieser Deutsche aus DEM Land der Bildung kein Wort Latein konnte. Aber: Latinisten? Gräzisten? Belletristen? Philosophen? Was ist ein Altphilologe, ein Belletrist, ein Philosoph gegen einen Anästhesisten? Wenn wir ehrlich sind (wenn es sowas noch gibt): Herzchirurgen und Zahnärzte sind wichtiger, wirklich, Ärzte überhaupt, mit und ohne Grenzen, sind wichtiger, Ingenieure, Juristen, die Bekämpfung der Weltarmut, machen wir uns nichts vor, der Klimaschutz, das Rote Kreuz, die Menschenrechte, das versteht vielleicht auch der Sechszehnjährige. Der Kampf gegen den Rechtextremismus, den Nationalismus, die Atombombe etc. Auch die Neurophysiologie, ganz wichtig, wie bereits erwähnt. Schauen Sie nur mal auf die bewilligten Forschungsanträge, in die Forschungsinstitute, in die Feuilletons.

Niemand braucht (mehr) Romane. Und wie soll man überhaupt einen Roman schreiben, wenn man keine Protagonisten haben will, die sich wie von selbst einen Charakter zulegen und einen einschränken. Da könnte man ja gleich bei sich selbst bleiben und bräuchte sich nichts auszudenken. Es wird ja gar kein Roman erzählt, sagen Sie, es fängt ja gar nicht an, nichts fängt an, es gibt ja keine Geschichte! Recht haben Sie! Ja, wo ist denn die Geschichte? Ja, wo läuft denn die Geschichte (hin)? Es kommen ja weder Vampire noch Zauberschüler vor, es gibt ja gar keine Liebesgeschichte und keine großen Gefühle. Musik gibt es auch keine. Man kann sich nicht mit einer außergewöhnlich schönen, intelligenten, in der Liebe und Karriere erfolgreichen Figur identifizieren. Und verfilmen lässt sich das auch nicht. Das macht doch keinen Spass!

Aber brauchen wir nicht wenigstens eine Geschichte? Wer braucht eine Geschichte? Es ist doch sowieso alles ausgedacht, alles erfunden – es gibt keine Fakten, nur Fiktionen, hat ein berühmter Historiker mehrfach behauptet, in einem OBERseminar (wenn es die an den Universitäten noch gibt), weswegen es stimmen muss. Ich habe den Namen aber nicht parat. Können sie aber auch bei Nietzsche oder Foucault nachlesen. Sie wissen doch, wenn Sie Geschichte zur Hand nehmen, Literatur zur Hand nehmen, dass es erfunden ist, was Sie da lesen. Es hat so nicht stattgefunden, es ist gelogen. Warum erzählen Sie dann nicht, was Sie wollen, besser: was die Leser wollen? Einen Roman, der ihre Träume bedient, ihre Herzenswünsche, ihre natürlichen Triebe (wenn es die noch gibt). Einen Roman, der beruhigend wirkt, Zufriedenheit herstellt. Einen, der ihre Intelligenz- und Bildungsillusionen wieder herstellt. Einen weltabbildenden Roman. Warum eigentlich nicht? Warum müssen sie Ka auf den Mond fahren lassen? Was hat er da zu suchen respektive verloren?





überflüssig?

4 01 2010

Wenn es Gott gäbe, müsste er dann nicht gerade etwas sein, was wir im Grunde nicht brauchen? Kein Notbehelf und kein Notnagel, sondern ein wirkliches Geschenk.





park im winter

30 12 2009

natürlich ruft eine mutter ihr kind
nach Hause oder mahnend,
und eines weint
und ein anderes lacht
auf den schlitten
im schnee.
hunde springen neben den menschen
dicken mänteln, jacken und mützen
eingehakt die einen
nebeneinander die anderen
im Gespräch, alleine
mit eingedrückter kehle
bist du:
natürlich nur ein weiteres teil
vom ganzen.





Wahrheit

16 12 2009

Vielleicht sehe ich ganz klar und nüchtern, wie es ist; aber selbst dann ist vermutlich etwas Größeres zerissen, zerstückelt, auseinander gesprungen. Die Wahrheit, das mögen bestenfalls grob zusammengeflickte Stücke sein, die nicht zu jenem Größeren gehören. Gibt es etwas Größeres? Der Irrtum könnte bereits in der angeblichen Klarheit und Nüchternheit liegen, der sogenannten Wahrheit des Kopfes. Soll ich aber deshalb der Stimme des Gefühls trauen? Ist sie nicht eher: ein kunstvoll hergestelltes Dunkel. Wie ich es auch anstelle, ich scheine nichts zu erkennen.